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Etazismus - Itazismus
 
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Knut Hacker
Gast





BeitragVerfasst am: 03. Dez 2011 20:54    Titel: Etazismus - Itazismus Antworten mit Zitat

Etazismus – Itazismus

Zu dieser mittelalterlichen Streitfrage hört und liest man nichts von neuesten Ergebnissen.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte:

Das Eta ist wohl als e - Laut gesprochen worden. Dafür spricht nicht nur das lautmalerische μῆσθαι bei Homer, sondern auch die Umschreibung bei der Übernahme griechischer Wörter ins Lateinische, zum Beispiel θησαυρός >thesaurus. Dass es nicht Kyrie eléäson, sondern eleison heißt,liegt daran, dass im Mittelalter in Griechenland bereits weitgehend neugriechisch gesprochen wurde.

Ει wurde dagegen als i - Laut gesprochen, wie die lateinische Umschreibung beispielsweise von Ἡράκλειτος, Ἤπειρος in Heraclitus. Epirus zeigt.

Οι wurde ähnlich wie oi gesprochen, wie die Umschreibung in oe zeigt:Οἰδίπους>Oedipus. (Tragoedia wegen des Jota subscriptum im Griechischen).
Allerdings spricht zum Beispiel die Umwandlung der Endung im maskulinen Nominativ Plural dagegen: οι>i

Auch αι wurde ähnlich wie ai gesprochen wie die Umschreibung von Αἴσχυλος Λακεδαιμόνιοι in Aeschylus,Lacedaemonii zeigt.

Ευ, αυ werden in der lateinischen Umschreibung oft als ev und av geschrieben, wie sie im Neugriechischen ausgesprochen werden. Die Umschreibung von εὐαγγέλιον in evangelium ist wohl erst mittelalterlichen Ursprungs.
Goldenhind
Administrator


Anmeldungsdatum: 28.03.2006
Beiträge: 1085
Wohnort: Bremen

BeitragVerfasst am: 03. Dez 2011 23:31    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Knut,
es freut mich, dass du nach längerer Abwesenheit mal wieder hier im Forum vorbeischaust, da du immer interessante Denkanstöße lieferst.
Mit der griechischen Phonetik kenne ich mich nicht sonderlich aus, aber ich denke, dass man da wahrscheinlich kein richtig oder falsch festlegen kann, weil es natürlich viele, viele verschiedene Dialekte gab, die die sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt haben. Ob man etwa "Kähse" oder "Keese" für Käse sagt, ist ja selbst im heutigen Deutsch noch uneinheitlich, obwohl Funk und Fernsehen für eine viel stärkere Vereinheitlichung der (standardsprachlichen)Aussprache sorgen, als dies wohl in früheren Epochen üblich und nötig war.

MfG Goldenhind
Knut Hacker
Gast





BeitragVerfasst am: 04. Dez 2011 15:40    Titel: Antworten mit Zitat

Goldenhind hat Folgendes geschrieben:

Mit der griechischen Phonetik .... ich denke, dass man da wahrscheinlich kein richtig oder falsch festlegen kann, weil es natürlich viele, viele verschiedene Dialekte gab, die die sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt haben.


Hallo Goldenhind,

auch ich freue mich natürlich sehr, dass Du mich noch in Erinnerung hast.

Der von dir vorgebrachte interessante Gesichtspunkt wäre sicherlich eine nähere Untersuchung wert.
Man kennt zwar verschiedene antike Dialekte, aber eben nur, soweit sie von den bekannten Schriftstellern durch deren Gebrauch schriftlich überliefert sind.
Heute gibt es in Griechenland nur noch Idiome (zum Beispiel Pontisch, Kretisch), da in das altgriechische Siedlungsgebiet zahlreiche Völkerschaften eingedrungen waren und das heutige Griechenland ein Kunstgebilde ist..
Das im 19. Jahrhundert von der osmanischen Herrschaft befreite Griechenland umfasste lediglich Attika und die Peloponnes. Als offizielle Sprache wurde ein modifiziertes Altgriechisch eingeführt, das insbesondere durch die orthdoxische Kirche künstlich aufrechterhalten worden war ( sog. Katharevousa ). Im vielstämmigen Volk verbreitete sich eine slangartige Gebrauchssprache, die sich aus dem Altgriechischen auf der Peloponnes entwickelt hatte (sog. Dimotiki ). Erst 1922, nach der sogenannten kleinasiatischen Katastrophe - das „Schrumpf“- Griechenland hatte Kleinasien zurückerobern wollen, was zu einer blutigen Vertreibung der dort insbesondere am Schwarzen Meer, in Konstantinopel (Istanbul) und in Smyrna, dem heutigen Izmir, angesiedelten Griechen durch die Türken geführt hatte - , fand aufgrund eines entsprechenden Beschlusses des Völkerbundes ein Bevölkerungsaustausch statt. Die Griechen aus Kleinasien sollten im Stammland und die Türken aus diesem in der Türkei angesiedelt werden. Aber was waren Griechen bei dem bestehenden Völkergemisch? Man legte das Kriterium der orthodoxen Religion fest. Das war natürlich ziemlich willkürlich, wie heute noch aus den vielen nichtgriechischen Nachnamen der Griechen ablesbar ist.
Das Neugriechische weist also lediglich eine sehr beschränkt lokale kontinuierliche Entwicklung auf.
Diese steht allerdings in einem weitgehenden phonetischen Einklang mit Entwicklungen auch in den anderen Sprachen des nördlichen Mittelmeerraumes (einschließlich des Balkans).
Das spricht dagegen, dass regionale Dialekte eine entscheidende phonetische Rolle bei der Entwicklung des Neuegriechischen gespielt haben.(Die Sprachen des Vielvölkergemisches dagegen waren natürlich für den Wortschatz stark prägend; so gibt es heute fast für jedes griechische Substantiv ein entsprechendes türkisches Lehnwort).

Neben der von mir im letzten Beitrag angerissenen Umschreibung des Altgriechischen ins Lateinische und der Parallelentwicklung anderer Mittelmeersprachen, insbesondere des Italienischen und des Spanischen, lassen aber auch überlieferte altgriechische Texte Rückschlüsse auf die damalige Aussprache zu, nämlich vor allem solche mit falscher Orthographie, insbesondere bei Inschriften und Texten auf Vasen und Krügen . So wird beispielsweise nicht selten das Eta als Epsilon geschrieben, was beweist, dass es als e - Laut ausgesprochen wurde.
Goldenhind
Administrator


Anmeldungsdatum: 28.03.2006
Beiträge: 1085
Wohnort: Bremen

BeitragVerfasst am: 04. Dez 2011 19:37    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Knut,
danke für die zusätzlichen Ausführungen. Was mich noch interessiert: Die Unterscheidung zwischen u und v gab es doch im Lateinischen ursprünglich gar nicht. Wie kommst du also (wenn ich dich richtig verstanden habe) darauf, dass die Umschreibung in Evangelium statt Euangelium erst im Mittelalter erfolgt sei?
Knut Hacker
Gast





BeitragVerfasst am: 04. Dez 2011 19:56    Titel: Antworten mit Zitat

Goldenhind hat Folgendes geschrieben:
Die Unterscheidung zwischen u und v gab es doch im Lateinischen ursprünglich gar nicht. Wie kommst du also (wenn ich dich richtig verstanden habe) darauf, dass die Umschreibung in Evangelium statt Euangelium erst im Mittelalter erfolgt sei?


In lateinischen Texten mit Großbuchstaben wurde oft für U dasV gesetzt. Dass dies nicht nur graphische Bedeutung hatte, ersieht man aus mittelalterlichen deutschen Texten, wo ebenfalls au und eu als av und ev geschrieben wurden und zwar nicht nur bei lateinischen Buchstaben.

Im griechischen Alphabet wird au und eu schon immer als ay und ey geschrieben.

Das alles könnte darauf hindeuten, dass das u in diesen Diphthongen nie deutlich als solches gesprochen wurde.

Auch im Slawischen spricht man ja zum Beispiel "Evropa".

Das Wort euangélion stammt aus dem Neuen Testament und wurde daher in einer Zeit ins Lateinische übernommen, als sich das Altgriechische bereits zur sogenannten Koiné gewandelt hatte. Man sprach damals wohl bereits "evangélion" wie in der mittelalterlichen Kirchensprache.
Knut Hacker
Gast





BeitragVerfasst am: 19. Dez 2011 18:41    Titel: Antworten mit Zitat

Für den Etazismus sprechen auch die heutigen griechischen Idiome des Pontischen und des Tsakonischen.

Ich verweise auch auf den Stamm von χείρ (Hand)> χερ>ngr. χέρι
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